Unter der kräftigen Sommersonne wächst Japanischer Indigo schnell heran. Sobald die Pflanzen erntereif sind, lassen sich ihre Blätter mit einem Fällungsverfahren verarbeiten, um das Indigopigment zu gewinnen.
Das dabei entstehende Pigment wird in Japan chinden-ai genannt – wörtlich „abgesetztes Indigo“. Wird es als feuchte, dickflüssige Paste aufbewahrt, bezeichnet man es auch als doro-ai, also „Schlammindigo“. Im Deutschen wird dafür meist der Begriff Indigopaste verwendet.
Japanischer Indigo, auch Färberknöterich genannt (Persicaria tinctoria), wird häufig für die Färbung mit frischen Blättern verwendet. Dabei werden die grünen Blätter möglichst bald nach der Ernte verarbeitet.
Durch Trocknen oder Einfrieren verändern sich die in den Blättern enthaltenen Stoffe und Enzyme. Deshalb lassen sich getrocknete oder gefrorene Blätter nicht ohne Weiteres mit derselben Methode verwenden wie frisch geerntete Blätter.
Das bedeutet jedoch nicht, dass getrocknete oder gefrorene Indigoblätter unbrauchbar werden. Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Verfahren entwickelt, mit denen Indigo über die kurze sommerliche Erntezeit hinaus aufbewahrt und genutzt werden kann.
Zwei wichtige Formen von verarbeitetem Indigo in Japan sind Sukumo und Indigopaste.
Sukumo ist besonders mit dem sogenannten Awa-Indigo verbunden. Der Name Awa geht auf die historische japanische Provinz Awa zurück, die ungefähr dem heutigen Gebiet der Präfektur Tokushima auf der Insel Shikoku entspricht.
Zur Herstellung von Sukumo werden getrocknete Blätter des Japanischen Indigos über einen längeren Zeitraum wiederholt befeuchtet, umgesetzt und unter sorgfältig kontrollierten Bedingungen kompostiert. Das entstandene fermentierte Blattmaterial dient anschließend als Ausgangsstoff für eine traditionelle japanische Indigoküpe.
Bevor mit Sukumo gefärbt werden kann, muss das wasserunlösliche Indigopigment durch Reduktion in eine wasserlösliche Form überführt werden. Das Ansetzen einer solchen Küpe wird auf Japanisch ai-date genannt.
Traditionell wird dafür eine alkalische Flüssigkeit aus Holzaschelauge verwendet. Mikroorganismen sorgen dafür, dass das Pigment reduziert wird und in die Fasern eindringen kann. Sowohl die Herstellung von Sukumo als auch die Pflege einer solchen Küpe erfordern Zeit, Erfahrung und eine sorgfältige Kontrolle.
In tropischen und subtropischen Regionen wird Indigo dagegen traditionell häufig durch ein Fällungsverfahren gewonnen. Dabei werden die Stängel und Blätter von Pflanzen wie Echtem Indigo oder Ryukyu-Indigo in Wasser eingeweicht.
Nach dem Entfernen der Pflanzenteile wird der Flüssigkeit Kalk zugesetzt. Durch kräftiges Belüften und Aufschlagen bildet sich das blaue Pigment, das sich anschließend am Boden des Behälters absetzt.
Dieses Verfahren lässt sich auch mit Japanischem Indigo durchführen.
Die Blätter enthalten das fertige blaue Indigopigment nicht unmittelbar. Stattdessen befindet sich darin eine farblose Vorstufe namens Indican.
Beim Einweichen der Blätter wird das Indican durch enzymatische Vorgänge abgebaut. Dabei entsteht unter anderem Indoxyl. Wird die Flüssigkeit alkalisch eingestellt und beim Rühren ausreichend mit Sauerstoff versorgt, oxidiert das Indoxyl zu blauem, wasserunlöslichem Indigo.
Lässt man dieses Pigment absinken und sammelt es als dicke Paste, erhält man Indigopaste. Das Verfahren schien auch in kleinerem Maßstab durchführbar zu sein, deshalb wollte ich es selbst ausprobieren.
Ausführliche Anleitung zur Herstellung von gefälltem Indigo und Indigopaste (auf Japanisch)
1. Die geernteten Blätter des Japanischen Indigos in einen großen Behälter geben und vollständig mit Wasser bedecken.
Da die Blätter an die Oberfläche steigen, werden sie mit einer Platte, einem passenden Innendeckel oder einem geeigneten Gewicht unter Wasser gehalten.
Der Behälter sollte so abgedeckt werden, dass keine Insekten oder Fremdkörper hineingelangen. Er darf jedoch nicht vollständig luftdicht verschlossen werden.
Bei der traditionellen Indigoherstellung in Japan wird diese Einweichphase häufig als „Fermentation“ bezeichnet. Dieser Ausdruck wird auch hier verwendet, obwohl während des Vorgangs mehrere enzymatische und mikrobielle Prozesse gleichzeitig ablaufen können.
Die erforderliche Einweichzeit hängt stark von Lufttemperatur, Wassertemperatur, Blattmenge und Zustand der Pflanzen ab. Während der sommerlichen Hitze erreichten die unten abgebildeten Blätter diesen Zustand nach ungefähr 48 Stunden.
▼ Blätter des Japanischen Indigos nach ungefähr 48 Stunden im Wasser
2. Mit zunehmender Einweichzeit verändern sich die Blätter und die Flüssigkeit. Gleichzeitig entwickelt sich ein starker, charakteristischer Geruch.
Die Blätter werden allmählich braun. Die Flüssigkeit kann etwas dickflüssiger werden, und auf der Oberfläche kann sich ein violetter oder bläulicher Film bilden.
Bei diesem Versuch entstand ein deutlicher Geruch nach sich zersetzendem Pflanzenmaterial. Geruch, Farbe und Dauer können jedoch je nach Indigoart, Temperatur und Zustand der geernteten Pflanzen unterschiedlich ausfallen.
Bleiben die Blätter zu lange im Wasser, kann die Zersetzung zu weit fortschreiten. Dadurch können sowohl die Menge als auch die Qualität des gewonnenen Pigments beeinträchtigt werden.
Der richtige Zeitpunkt zum Fortfahren sollte deshalb nicht allein nach der vergangenen Zeit, sondern auch nach dem Zustand der Blätter und der Flüssigkeit beurteilt werden.
3. Die eingeweichten Blätter und Stängel aus der Flüssigkeit entfernen.
Die Flüssigkeit bei Bedarf durch ein Sieb oder ein Tuch filtern, damit keine größeren Pflanzenreste zurückbleiben.
4. Gelöschten Kalk zur Flüssigkeit geben und kräftig rühren, damit ausreichend Luft eingearbeitet wird.
Gelöschter Kalk ist Calciumhydroxid. Er sollte nicht auf einmal als trockenes Pulver in die Flüssigkeit gegeben werden.
Den Kalk zunächst mit einer kleinen Menge Wasser zu einer gleichmäßigen Kalkmilch verrühren. Anschließend nach und nach hinzufügen und dabei die Farbe der Flüssigkeit sowie die Entwicklung des Schaums beobachten.
Der Kalk trennt das Pigment nicht einfach vom Wasser. Seine wichtigste Aufgabe besteht darin, den pH-Wert der Flüssigkeit anzuheben.
Unter diesen alkalischen Bedingungen kann das Indoxyl zusammen mit dem beim Rühren eingebrachten Sauerstoff oxidieren und wasserunlösliches Indigopigment bilden.
Die erforderliche Kalkmenge hängt vom Volumen und vom Zustand der Flüssigkeit ab. Zu viel Kalk kann in der fertigen Paste zurückbleiben und die Konzentration sowie die Qualität des Indigos beeinträchtigen. Deshalb sollte er schrittweise und nicht nach einer starren Mengenangabe zugegeben werden.
Sicherheitshinweise für den Umgang mit gelöschtem Kalk
Gelöschter Kalk ist stark alkalisch. Beim Arbeiten sollten Schutzhandschuhe und eine Schutzbrille getragen werden. Das Einatmen des Staubs sowie der Kontakt mit Augen und Haut müssen vermieden werden.
Die Arbeit sollte an einem gut belüfteten Ort stattfinden.
Dolomitkalk, gewöhnlicher Gartenkalk oder andere landwirtschaftliche Kalkprodukte sind kein geeigneter Ersatz, da sie eine andere Zusammensetzung und Wirkung haben können.
5. Die Flüssigkeit weiter belüften, bis sie und der entstehende Schaum allmählich blau werden.
Ein vorsichtiges Umrühren allein reicht nicht aus. Die Flüssigkeit sollte angehoben und zurückgegossen, kräftig aufgeschlagen oder auf andere Weise intensiv mit Luft vermischt werden.
Durch den eingebrachten Sauerstoff beginnt sich das Indigopigment zu bilden. Die Farbe der Flüssigkeit und des Schaums verändert sich von grünlichen oder bräunlichen Tönen zu Blau und schließlich zu einem tieferen Indigoton.
Bei diesem Versuch wurde der starke Geruch nach der Kalkzugabe allmählich schwächer. Eine Veränderung des Geruchs allein ist jedoch kein verlässliches Zeichen dafür, dass die Oxidation abgeschlossen ist.
Während der Belüftung sollten deshalb die Farbe der Flüssigkeit und des Schaums sowie Größe, Stabilität und Verhalten der Luftblasen beobachtet werden.
6. Die Belüftung beenden und die Flüssigkeit ungestört stehen lassen, damit sich das Indigopigment absetzen kann.
Bei diesem Versuch blieb die Flüssigkeit ungefähr zwei Tage stehen. Das wasserunlösliche Indigopigment und weitere feine Feststoffe sanken langsam auf den Boden.
Dabei bildeten sich eine klare oder gelblich braune obere Flüssigkeit und ein blauer Bodensatz.
Das blaue Material am Boden ist das gefällte Indigopigment. Wird die obere Flüssigkeit vorsichtig entfernt und der verbleibende Bodensatz zu einer dicken Paste konzentriert, entsteht Indigopaste, auf Japanisch doro-ai.
Das in dieser Paste enthaltene Indigopigment ist nicht wasserlöslich. Stoff lässt sich deshalb nicht einfach färben, indem man ihn direkt in die Paste legt.
Vor dem Färben muss das Pigment in einer alkalischen Indigoküpe reduziert und dadurch in eine wasserlösliche Form überführt werden.
Damit war die Arbeit an diesem Tag beendet. Ob sich aus diesem selbst hergestellten Indigo tatsächlich eine brauchbare Färbeküpe entwickeln lässt, wird sich im nächsten Schritt zeigen.
▼ Der gesamte Ablauf ist auch im YouTube-Video „Herstellung von gefälltem Indigo“ zu sehen. Die Erläuterungen sind auf Japanisch, die einzelnen Arbeitsschritte lassen sich jedoch gut im Bild verfolgen.