Heute fuhr ich nach Matsusaka, ebenfalls in der Präfektur Mie, um Matsusaka-Baumwolle selbst von Hand zu weben.
Mein Ziel war das „Matsusaka Momen Handwebzentrum“. Dort nahm ich an der „Handweberfahrung mit Matsusaka Momen“ teil, die mich schon länger interessiert hatte.
Bei Matsusaka denken viele zuerst an Matsusaka-Rindfleisch. Die Stadt entwickelte sich jedoch schon früh zu einer bedeutenden Handelsstadt. In der Edo-Zeit waren Kaufleute aus Matsusaka in vielen Regionen Japans tätig und spielten auch im Handel mit Baumwollstoffen und Kimonostoffen eine wichtige Rolle. Zu den Textiltraditionen dieser Stadt gehört die Matsusaka-Baumwolle. Auch die offizielle Website der Stadt Matsusaka stellt ihre Geschichte und Merkmale vor.
Der besondere Reiz der Matsusaka-Baumwolle liegt vor allem in ihren schönen, von Indigo geprägten Streifen. Dunkles Indigo, helles Indigo, Weiß und Grau liegen in feinen Linien nebeneinander. Aus der Ferne wirkt der Stoff ruhig und klar, aus der Nähe dagegen erstaunlich lebendig.
▼ Eingang des Matsusaka Momen Handwebzentrums mit einem großen Noren aus Matsusaka-Baumwolle.

Schon der Noren am Eingang war wunderschön! Wieder wurde mir bewusst, wie viel Tiefe allein durch unterschiedliche Indigotöne entstehen kann.
Im Inneren stehen indigoblaue Stoffe und Produkte neben Handwebstühlen. Diesmal webte ich an einem traditionellen Webstuhl selbst von Hand.
▼ Webstuhl für die Handweberfahrung mit Matsusaka-Baumwolle; die Kettfäden waren bereits in typischen Indigo-Streifen angeordnet.

Die Kettfäden waren zu sauberen Streifen geordnet, durch die ich den Schussfaden führte. Das Schiffchen durchgeben, dann den Schuss mit dem Webblatt anschlagen. Die Bewegung ist einfach und wiederholt sich ständig, doch Kraft und Rhythmus verändern nach und nach den Ausdruck des Stoffes.
Beim Weben spürte ich, dass Streifen mehr sind als nur ein Muster. Reihenfolge, Breite und Helligkeit der Kettfarben erzeugen zusammen mit dem Schuss Tiefe. Matsusaka-Baumwolle wirkt auf den ersten Blick zurückhaltend, zieht einen aber immer stärker hinein. In ihren Streifen liegt eine stille Kraft.
▼ Stoff und Schiffchen während des Webens. Indigo, Weiß und Grau verbinden sich zu einer stillen Schönheit.

Wenn man mit Naturfärbung und Handweben arbeitet, richtet sich die Aufmerksamkeit schnell auf neue Farben oder Techniken. Diesmal wurde mir erneut bewusst, dass ein Stoff auch ohne viele Farben oder auffällige Muster sehr reich wirken kann.
Indigo und Weiß. Hell und dunkel. Der Abstand der Streifen. Schon diese wenigen Elemente können einem Stoff erstaunliche Tiefe geben.
Die Schönheit der Matsusaka-Baumwolle hat meine Lust am Gestalten stark angeregt. Auch bei Hitotsuya möchte ich Indigo, Handweben, Streifen, alte Webstühle und regionale Textilkultur noch stärker miteinander verbinden.
Nach der Weberfahrung wollte ich eigentlich noch etwas durch die alten Straßen von Matsusaka gehen. In der Stadt sind Spuren der früheren Burgstadt und die Atmosphäre einer Handelsstadt erhalten. Nach der Begegnung mit der Matsusaka-Baumwolle hätte ein Spaziergang die Verbindung zwischen Stoff und Ort sicher noch greifbarer gemacht.
Doch an diesem Tag lag die Höchsttemperatur in Matsusaka bei 38°C. Für die Präfektur Mie war außerdem eine Hitzewarnung ausgegeben worden. Da wollte ich nichts riskieren. Den Stadtspaziergang verschob ich auf ein anderes Mal und fuhr nach der Weberfahrung nach Hause.
Das war etwas schade, gehört aber ebenfalls zu dieser Sommererinnerung. Beim nächsten Mal möchte ich Matsusaka in einer kühleren Jahreszeit in Ruhe erkunden. Dann möchte ich auch sehen, wie die heute gesehenen Streifen der Matsusaka-Baumwolle in der Stadtlandschaft wirken.