Dies ist keine Rose. Die blass cremefarbenen Blütenblätter wirken üppig übereinandergelegt, und in ihrer Mitte zeigt sich ein kleiner, tiefroter Akzent. Es ist eine Baumwollblüte. Als wir sie auf dem Feld entdeckten, fesselte uns ihre Pracht: Sie wirkte weniger wie die Blüte einer Nutzpflanze als wie eine sorgfältig gezüchtete Gartenblume.
▼ Eine blass cremefarbene Baumwollblüte, die an eine Rose erinnert

Diese Blüte stammt von extralangstapeliger Baumwolle, die in Japan sorgfältig erhalten wurde. Da keine Unterlagen eine direkte Abstammung von Sea-Island-Baumwolle belegen, können wir sie nicht eindeutig als Sea-Island-Baumwolle bezeichnen. Dennoch ist sie eine kostbare Baumwolle, der wir am Ende unserer Suche nach Sea Island begegneten und die wir nun in Iga anbauen. Deshalb möchten wir die Freude über diese Blüte mit den Worten „Die Sea-Island-Baumwolle hat geblüht“ festhalten.
Am Ende der Suche nach dem „Juwel der Baumwolle“
In unserem früheren Beitrag „Was wir beim Import von Sea-Island-Baumwollsamen lernten | GV-Baumwolle“ berichteten wir, dass die aus dem Ausland bezogenen Samen positiv auf gentechnisch veränderte Baumwolle getestet und vollständig vernichtet wurden. Nach viel Zeit, Kosten und Hoffnung verloren wir die Samen direkt vor unseren Augen.
Japan genehmigt den Anbau gentechnisch veränderter Baumwolle nicht. Nach dem japanischen Cartagena-Gesetz bedürfen Nutzungen, bei denen gentechnisch veränderte Organismen in die Umwelt gelangen können, einschließlich des Anbaus, einer vorherigen Genehmigung auf Grundlage einer Bewertung möglicher Auswirkungen auf die biologische Vielfalt. Bestimmte GV-Baumwolllinien sind für Lebens- oder Futtermittelzwecke zugelassen, aber nicht für den Anbau; ihre Aussaat in Japan wäre rechtswidrig. Das japanische Ministerium für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei erläutert diesen Unterschied in seinen Hinweisen für Importeure von Baumwollsamen. Gesetze, landwirtschaftliche Praxis und gesellschaftliche Bewertungen von GV-Pflanzen unterscheiden sich von Land zu Land. Dieser Beitrag verurteilt weder Länder, in denen GV-Baumwolle legal angebaut wird, noch die Landwirte, die sie nutzen. In unserem Fall war entscheidend, dass die Samen in Japan nicht legal angebaut werden durften und nicht zu unserem Ziel passten, nicht gentechnisch veränderte Baumwolle auf eigenem Land zu entwickeln.
Nach dieser Erfahrung erhielten wir glücklicherweise Samen einer hochwertigen extralangstapeligen Baumwolle, die in Japan erhalten worden war. Sie tragen keinen bekannten Markennamen, und es gibt keine Unterlagen, die eine direkte genetische Beziehung zur Sea-Island-Baumwolle belegen. Dennoch sind es unersetzliche Samen, die im japanischen Klima über Generationen weitergegeben wurden und lange, weiße Fasern hervorbringen.
▼ In Japan erhaltene Samen extralangstapeliger Baumwolle

Auf dem Feld öffnete sich eine Blüte wie eine Rose
Die Baumwolle, die wir auf dem Land von Iga ausgesät und gepflegt haben, hat nun endlich geblüht. Aus der Nähe betrachtet wellen sich die dünnen, weichen Ränder der Blütenblätter sanft, während in der Mitte ein tiefes Rot erscheint. Je nach Blickwinkel verändert sich ihr Ausdruck; von vorn wirkt sie beinahe so prächtig wie eine gefüllte Rose.
▼ Unterschiedliche Ansichten derselben Baumwollblüte


Die Schönheit dieser Blüte berührt uns nicht nur, weil die Baumwolle selten ist. Sie bleibt uns besonders im Herzen, weil wir keine fertige Antwort aus weiter Ferne übernommen haben, sondern in Japan bewahrte Samen erhielten und auf unserem eigenen Land aufzogen.
Wurzeln schlagen auf den Feldern von Iga
Als einzelne Blüte betrachtet, wirkt sie fast wie eine Zierpflanze. Tritt man jedoch zurück, sieht man Reihen von Baumwollpflanzen auf schwarz gemulchten Beeten. Auf der Hitotsuya(ひとつ屋) Textilfarm in Iga haben sie Regen, starke Sonne und die Hitze des Sommers überstanden.
▼ Extralangstapelige Baumwolle auf der Hitotsuya Textilfarm in Iga

Unser Ziel ist nicht, Sea-Island-Baumwolle aus Übersee unverändert zu reproduzieren. Wir möchten Pflanzen auswählen, die hier gut wachsen, lange und schöne Fasern bilden und Schädlingen, Krankheiten sowie klimatischen Veränderungen standhalten. Ihre Samen sollen an die nächste Generation weitergegeben werden. Indem wir sie langsam an die Umwelt von Iga anpassen, wollen wir daraus Schritt für Schritt „Hitotsuya-Baumwolle“ entwickeln.
Hinter der Blüte warten Garn und Stoff
Die Baumwollblüte ist zugleich ein Etappenziel und der Eingang zur Materialherstellung. Nach dem Verblühen entwickelt sich eine Kapsel. Wenn sie reif aufspringt, erscheinen die Baumwollfasern und die Samen der nächsten Generation. Die geerntete Baumwolle wird von den Samen getrennt, gelockert, zu Garn versponnen, mit Pflanzen gefärbt und schließlich zu Stoff verarbeitet.
Die Entwicklung von der Blüte über die Kapsel bis zu den weißen Fasern wird auch vom regionalen Landwirtschaftsamt Kinki des japanischen Ministeriums für Landwirtschaft, Forsten und Fischerei im Beitrag „Die Baumwolle blüht“ vorgestellt. Eine Blüte auf dem Feld welkt bereits nach etwa einem Tag, doch die zurückbleibende Kapsel bildet später die Fasern.
Statt ein sogenanntes „Juwel der Baumwolle“ von außen zu erwerben, möchten wir Baumwolle auf unserem eigenen Land über lange Zeit anbauen und auswählen und sie zu einem Material von ebensolchem Wert veredeln. Das erste Zeichen dieses Weges erschien als blass cremefarbene Blüte auf einem Feld in Iga.